Tag f├╝r Lehrende 2024 der FHStP

07.02.2024

­čľ╝´ŞĆ (Pr├╝fungs-)fragengeleitete Videos im Flipped Classroom

#Lernstrategien #KognitiveAktivierung #ZeitraumflexibelStudieren #SegmentierungVonVideos

 

Andreas Christ, Barbara Meier

Der Beitrag untersucht als Praxisbericht niederschwellige Möglichkeiten Videos (hier Vorlesungsaufzeichnungen) aktivierend und studierendenorientiert in zeit-raumflexiblen (Online-) Vorlesungen zu implementieren.

Ziel: Mehr örtliche und zeitliche Flexibilität für Studierende

Studierende wünschen sich – verstärkt nach den Erfahrungen der Pandemie-Lehre – flexiblere Lehrangebote (Hense, J. & Goertz, L. 2023). Gerade für Masterstudierende werden daher an der Hochschule Offenburg Lehr-/Lernszenarien erprobt, die mehr Freiräume bieten, das Studium mit zeit-/raumkonkurrierenden Alltagsanforderungen in Einklang zu bringen (Brinkmann 2020).

Didaktisches Szenario: „Flipped Classroom“

In der Lehrveranstaltung „Theoretische Elektrotechnik“ im Masterstudiengang Elektrotechnik/ Informationstechnik bilden Vorlesungsaufzeichnungen seit dem Wintersemester 20/21 den zentralen Bestandteil eines Flipped Classroom-Konzeptes. Flipped Classroom umschreibt hier die weitgehend selbstständige Aneignung des Lehrstoffes mit einem Skript als Arbeitsgrundlage und Videos als zentraler Vermittlungsbestandteil. In wöchentlichen Online-Terminen wird das Gelernte besprochen und vertiefend reflektiert, erläutert und durch 2D-Simulationen veranschaulicht. Die kognitive Aktivierung (Bouwmeester et al. 2019) erfolgt über flankierende MC-Tests in der Vorbereitung und in den Live-Terminen.

Problemstellung/ Interventionen

  1. Die zeitliche Flexibilität führt auch hier zu den bekannten Nebenwirkungen der Prokrastination. So ließ sich in den vergangenen Semestern beobachten, dass das Selbststudium mit Videos nur unzureichend zur Vorbereitung auf die Synchronveranstaltung genutzt wurde. Es kann vermutet werden, dass einige Studierenden den Fokus während des Semesters stärker auf andere synchrone Veranstaltungen gelegt haben, statt dem synchronisierten Rhythmus des Lehrkonzeptes zu folgen. Aus diesem Grund wurden die Tests zur Vorbereitung der Live-Sessions verpflichtend. 
  2. Die Beteiligung an den Live-Sessions sollte verbessert werden. Antworten wurden oft erraten und profitierten zu wenig von der Vorbereitung im Selbststudium. Das alternative Angebot einer Vorbereitung mit fragenzentrierten und in Tests eingebundenen Kurzvideos sollte prüfen, ob segmentierte Videos als lernförderlicher (Mayer und Chandler 2001) erlebt werden, was auf eine Reduktion der kognitiven Belastung hinweisen könnte und „Kinoverhalten“ erschwert (Wachtler und Ebner 2014).

Methodik

Die Studierenden lernen im 1. Drittel des Semesters zu gleichen Teilen (3 WE) sowohl ausschließlich die ursprüngliche Variante (Langvideo + flankierende Verständnisfragen) kennen, wie auch die neue Variante, in der sich die Studierenden direkt in die Testsituation begeben und dort die Möglichkeit nutzen, die Frage mit Hilfe der entsprechenden Videosequenz zu beantworten.  Eine 1. Umfrage nach dieser Phase gleicht generelle Annahmen zum Angebot ab sowie die individuelle Präferenz hinsichtlich der beiden Varianten.

Ab dem 2. Drittel werden beide Varianten zur Auswahl bereitgestellt. Moodle-Nutzungsdaten verfolgen, ob die früh getroffene Entscheidung beibehalten wird und ob sich die Lernstrategie ändert, wenn die Studierenden sich auf die Prüfung vorbereiten.

Eine spätere 2. Umfrage klärt, inwieweit sich der Eingangseindruck gegenüber den beiden Varianten bestärkt bzw. verändert hat und stellt Fragen zu Lernstrategien im Umgang mit Videos.

Das Szenario ist insofern repräsentativ, als es ohne zusätzliche Ressourcen umgesetzt wird. Die Videos entstanden vorlesungsbegleitend, wurden nur wenig nachbearbeitet, sondern lediglich für die Kurzvideos sequenziert.

Ergebnisse/Hinweise zu Lernstrategien und Passung von Videos

Generelle Akzeptanz des Lehr-/Lernsettings

Alle befragten Studierenden bestätigten, dass Ihnen das Lehr-Lernszenario ermöglicht hat, sich ihre Zeit im Studium flexibler einzuteilen. Diese Freiräume nutzten sie bspw. für konzentrierte Blockbearbeitung und/ oder eine einfachere Terminplanung. Eine deutliche Mehrheit (75%) würde sich daher erneut für die Flipped Classroom-Variante entscheiden, auch wenn die bisherige Studiengangsplanung wichtige Vorteile des Angebotes noch nicht unterstützt (z. B. durch reine Online-Tage). Die verpflichtende Vorbereitung bewerten die Studierenden durchgängig als hilfreich. Eine Auswertung der Moodle-Daten bestätigt eine kontinuierliche Bearbeitung der Aufgaben, die in vorhergehenden Semestern gefehlt hatte.

Für welche Variante der Videos entscheiden sich die Studierenden und aus welchen Gründen?

Bereits zum Ende der 1. Phase entschieden sich 75% der Studierenden für das klassische Szenario mit Langlösungen und anschließenden Tests. Ausgewählte Gründe:

  • Die Vermittlung ist vertrauter (38%) und die Studierenden möchten den Stoff erst als Ganzes verstehen (50%) und mitdenken (38%). Kommentiert wurde, dass die ungekürzten Videos eine bessere Zeiteinteilung ermöglichen, da die Gesamtzahl und Länge der Videos direkt erkenntlich sind.

Den testorientierten Zugang wählten 30% der Studierenden. Diese Studierenden fanden die Testsituation hilfreich, motivierend und/oder bevorzugten generell kürzere Videos (25%).

Auswirkungen auf die wöchentlichen Live-Sessions

Bei den Live-Treffen war kein Einfluss auf Anwesenheit und Beteiligung erkennbar. Die verbindlichen Vorbereitungstests führten aber zu einer besseren Vorbereitung mit vergleichbarer und konstanter Teilnehmerquote. Auffällig war die Zurückhaltung bei den wöchentlichen Clicker-Fragen. Hieran beteiligten sich nur noch diejenigen, die sich der richtigen Antwort sicher waren, wodurch sich Anstöße für Gruppendebatten reduzierten.

Lernstrategien beim Selbststudium mit Videos

Die gewählte Lernstrategie im Umgang mit den Videos wurde bis zum Ende beibehalten. Die Studierenden nutzen Ihren individuellen Spielraum, um die Videos nach Bedarf – in kürzeren oder geblockten Einheiten – zu bearbeiten. Die Mehrheit gibt an, sich parallel Fragen oder Anmerkungen zu notieren oder das Video schriftlich zusammenzufassen.

Fazit

Im ausgewählten Szenario konnte nicht bestätigen, dass Master-Studierende generell segmentierte Videos bevorzugen, sondern über gute Lernstrategien im Umgang mit ungekürzten Vorlesungsaufzeichnungen verfügen.

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