Tag der Lehre | Inverted Classroom and Beyond 2024

07.02.2024

­čľ╝´ŞĆ Partizipativ Forschend Lernen mit virtuellen Museen

#ForschendesLernen #Partizipation #VirtuellesMuseum #Hochschuldidaktik

 

Raphaela Gilles

Forschendes Lernen kann Partizipation fördern und virtuelle Museen eignen sich derweil als thematischer Gegenstand im Lehrprozess. Warum dann nicht beides zusammenbringen?

In der Alltagswahrnehmung scheint Partizipation stets positiv konnotiert zu sein. Sie referiert auf die Begriffe der Teilhabe, Teilnahme, Beteilung oder des Mitwirkens. Partizipation wird mit aktivem Handeln verbunden und bezeichnet eine Verantwortungsübernahme, sei es im politischen, gesellschaftlichen oder auch im hochschulischen Bereich. In der Hochschullehre wiederum wird partizipativem Lernen eine hohe Bedeutung zugeschrieben, um Studierenden die Mitgestaltung lehrbezogener Veranstaltungen zu ermöglichen. Forschendes Lernen kann dabei eine mögliche didaktische Konzeption für studentische Partizipation darstellen. In Zeiten postdigitaler Auswirkungen auf Hochschulen nimmt die Relevanz der Einbettung digitaler Medien sowie virtueller Lernumgebungen zu. Dabei wird Virtualität nicht nur zum Medium, sondern auch zum Gegenstand hochschulischer Lehre. Unternimmt man nun den Versuch, Partizipation, Forschendes Lernen und Virtualität miteinander zu verbinden, ergeben sich vielfältige Handlungs- und Gestaltungsspielräume. Dieser Beitrag stellt ein erziehungswissenschaftliches Konzept vor, das mit virtuellen Museen als Lern- und Forschungsgegenstand operiert und sich an dem Lehrforschungsprojekt „GROW – Mit der Grounded Theory-Methodologie (GTM) gemeinsam im Forschen wachsen“ des Instituts für Erziehungswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum orientiert.

Und was ist GROW?

In GROW wurden Bachelor-, Master- und Promotionsstudierende vernetzt, um mithilfe von Methoden der qualitativen Sozialforschung gemeinsam an aktuellen selbstgewählten Fragestellungen zu forschen, die das Thema Lernen in virtuellen Kontexten aufgreifen. Es wurde das Ziel verfolgt, eine reflektierte Forschungshaltung inklusive Unsicherheits- und Frustrationstoleranz zu fördern. Dabei wurden Studierende unterschiedlicher Qualifikationsphasen nach dem Peer-to-Peer-Prinzip seminarübergreifend in einem Blended-Learning-Szenario in einen produktiven Austausch gebracht.

Und wo ist die Partizipation?

Um partizipative Elemente des Projektes herauszustellen, wird im Folgenden das Partizipationsmodell von Kerstin Mayrberger (2019) herangezogen. Nach Mayrberger wird von Partizipation gesprochen, wenn Studierende über die Modi der Mitwirkung, Mitbestimmung und Selbstbestimmung verfügen. Sie nehmen Einfluss auf Ideen und Problemlöseprozesse, können selbstständig Entscheidungen treffen oder Prozesse eigenständig steuern. GROW ermöglichte dies an verschiedenen Stellen im Forschungsprozess: Mitwirkung wurde durch das Anfertigen von Memos als zentralem Schritt in der GTM sowie durch Anpassungen im Seminarkonzept realisiert, die durch studentische Rückmeldungen in der Evaluation angestoßen wurden. Auch konnten Studierende durch Peer-Feedback indirekt an den Projekten der anderen teilhaben. Mitbestimmung konnte erreicht werden, indem Studierende ihre eigene Fragestellung entwickelten und sich in Kleingruppen im Rahmen asynchroner Arbeitsphasen eigenständig organisierten. Der höchste Grad an Selbstorganisation wurde durch die freie Methodenwahl innerhalb der GTM angestrebt. Nach dem Prinzip „All is data“ konnten Studierende passende Erhebungsmethoden auswählen und sich ihrem Thema so forschend annähern.

Und how to virtuelle Museen?

Virtuelle Museen können als Digitalisat eines physischen Museums angesehen werden oder als Orte fungieren, an denen computergenerierte Exponate ausgestellt werden. Beispiele für virtuelle Museen sind Webseiten wie das Digital Art Museum oder VR-Modelle wie das Digital Pierrot Museum. Werden virtuelle Museen als Forschungsgegenstand betrachtet, so können sich Studierende dem Thema auf zwei Ebenen nähern:

  1. Ebene der Beobachtung: Sie können den Einbezug virtueller Museen in Unterrichtsszenarien aus didaktischer Perspektive erforschen, sich mit der kuratorischen Funktion virtueller Museen beschäftigen oder Aufgaben und Ziele virtueller Museen herausarbeiten. Zudem ist eine freie Auswahl eines virtuellen Museums möglich.
  2. Ebene der Teilnahme: Sie können sich selbst frei in einem virtuellen Museum bewegen und die Anordnung von Objekten erforschen, die Gestaltung virtueller Museen in den Blick nehmen oder ihre Wahrnehmung anhand autoethnographischer Methoden reflektieren.

Und wo bleibt da die Partizipation?

In der Museumspädagogik wird Partizipation – im Vergleich zum Lehr-/Lernprozess in formalen Bildungsarrangements – als Mitgestaltung der Institution gesehen. Besucher*innen können museale Inhalte erstellen, teilen und reflektieren. Studentische Partizipation ist folglich nicht nur durch die Mitwirkung an didaktischen Strategien oder das Treffen forschungsbezogener Entscheidungen möglich, sondern im Sinne einer „doppelten Partizipation“ zusätzlich durch den Austausch und die Reflexion von Inhalten des virtuellen Museums. Dies bedarf einer besonderen didaktischen Planung und Betreuung durch die Lehrenden im Rahmen der Bereitstellung einer Infrastruktur, die die Reflexionsmomente abbilden und für Austauschprozesse fruchtbar machen kann. In GROW wurden das Lernmanagement-System moodle sowie das Tool Evernote eingesetzt, um bspw. Memos anfertigen und mit anderen Studierenden teilen zu können. Zudem wurden ein Dateiaustausch sowie Foren eingerichtet, um einen Raum für die Kontaktaufnahme und die eigenständige Organisation des Forschungsprozesses zu etablieren.

Und wie geht es jetzt weiter?

Um die Entwicklung der Unsicherheits- und Ambiguitätstoleranz der Studierenden in GROW beobachten sowie studentische Einschätzungen einholen zu können, wurden jeweils zu Semesterbeginn sowie zu Semesterende Evaluationen durchgeführt. Es konnten Spannungsfelder hinsichtlich des Umgangs mit Unsicherheit, der Arbeit in Kleingruppen oder der Pole Fremd- und Selbstbestimmung identifiziert werden. Für ein Konzept, das virtuelle Museen als Forschungsgegenstand betrachtet und bewusst partizipative Elemente integriert, benötigt es jedoch weiterer Evaluationsmaßnahmen der Beteiligten. Wir müssen das Seminarkonzept also wohl oder übel selbst einmal durchführen.

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