Tag der Lehre | Inverted Classroom and Beyond 2024

07.02.2024

⚡ Flexible Modulcurricula – ein Plus für Studierende

#Curriculaentwicklung #FlexibleLernwege #Modularisierung #Kompetenzorientierung

 

Katharina Deman, Elisabeth Hillebrand-Augustin

Die Universität Graz bietet mit dem „Masterstudium Plus“ flexible Lernpfade für Studierende. In den interdisziplinären Mastermodulen erwerben die Studierenden professionelle Kompetenzen und verbessern so ihre Arbeitsmarktbefähigung. Die Lehrveranstaltungen sind in Modulcurricula organisiert und im Sinne der Zukunftskompetenzen lernergebnisorientiert ausgerichtet.

Die europäische Bildungslandschaft hat in den letzten zwei Jahrzehnten durch die Bologna-Reform und Faktoren wie Digitalisierung, demografischer Wandel, ökologische und gesellschaftspolitische Herausforderungen eine tiefgreifende Veränderung erfahren. Diese Dynamik hat erhebliche Auswirkungen auf die Arbeitswelt, denen sich auch das Bildungssystem stellen muss. Universitäten müssen Problemstellungen aktiv begegnen und innovative Lösungen für komplexe Fragestellungen entwickeln, um Studierende auf die sich wandelnden Anforderungen vorzubereiten. Dies erfordert eine Reflexion der Ziele und Organisationsformen akademischer Bildung, wobei die universitäre Lehre verstärkt in den Fokus rückt. Dabei müssen die Universitäten den Spagat zwischen höherem Arbeitsmarktbezug und der kritischen Betrachtung der Ökonomisierung der Bildung meistern (Elsholz 2019). Es ist entscheidend, die Förderung von Kompetenzen in den Mittelpunkt zu stellen, die Studierende befähigen, verantwortungsbewusst und angemessen mit den vielfältigen Anforderungen umzugehen (Ternes 2023). Vor allem überfachliche wie auch interdisziplinäre Kompetenzen müssen zunehmend in den Blick genommen und bei der Entwicklung von Curricula berücksichtig werden.

Mit dem Masterstudium Plus, umgesetzt als überfakultäre Wahlmodule, begegnet die Universität Graz diesen Anforderungen (Deman et. al. 2023). Masterstudierende können seit dem Studienjahr 2022 kompakte Module im Umfang von 24 ECTS-Anrechnungspunkten absolvieren und aus sechs gesellschaftspolitisch relevanten Themen wählen: Aktuell sind dies die Bereiche Klimawandel, Peacebuilding, Digitalisierung & Data Science, Kommunikation, Entrepreneurship sowie Medien- und Öffentlichkeitsarbeit.

Im Verlauf eines Studienjahres erwerben die Studierenden in stabilen Kohorten und zahlenmäßig begrenzten Peergruppen professionelle Handlungskompetenzen. Zur Bewältigung der vielschichtigen didaktischen Herausforderungen, wie zum Beispiel zum Umgang mit Heterogenität und unterschiedlichem Vorwissen, erhalten die Lehrenden hochschuldidaktische Unterstützung. Diverse Lernformate kommen zur Anwendung, um die Kompetenzvermittlung zu realisieren, wobei zentrale Zukunftskompetenzen wie die vier Kompetenzen (4K: kritisches Denken und Problemlösen, Kommunikation, Kooperation, Kreativität und Innovation) als Hintergrundmatrix integriert sind (Sterel et. al. 2018). Auf diese Weise erlernen die Studierenden die Verknüpfung von Theorie und Praxis in den jeweiligen Themenbereichen.

Die Moduleinrichtung ist im Sinne der Qualitätssicherung und der rechtlichen Verankerung an den Prozess der Entwicklung regulärer Curricula angelehnt, jedoch zeitlich gestrafft, was eine bestimmte Flexibilität für curriculare Änderungen und Weiterentwicklungen erlaubt. Überfakultäre Mastermodule erweitern die Fachcurricula und ermöglichen eine individuelle Schwerpunktsetzung und interdisziplinäre Erweiterung. So sieht auch der deutsche Wissenschaftsrat in individuellen Qualifizierungswegen eine Chance für eine ganzheitliche, leistungsfähige und qualitätvolle Bildung, die durch Flexibilisierung den Kompetenzerwerb, das Verantwortungsbewusstsein und Selbstbestimmung fördert (Wissenschaftsrat 2022). Eigene Modulcurricula werden beschlossen, auf welche die Fachcurricula verweisen. Dies erforderte in der Vorbereitung eine Abstimmung mit dem Senat sowie eine Änderung der Satzung der Universität Graz.

Ein bindendes Mustercurriculum ermöglicht eine vergleichende Betrachtung der einzelnen Module, trägt zur Qualitätssicherung bei und vereinfacht die Arbeit der Modulkoordinator*innen durch vordefinierte Textelemente und Strukturen, die auch studienrechtlich abgesichert sind. Diese Mustercurricula enthalten nicht nur Informationen zu den Inhalten und den zu erwerbenden Kompetenzen, sondern auch ein Qualifikationsprofil sowie Angaben zur Struktur, den Lehrveranstaltungsformen (inklusive ECTS-Anrechnungspunkten und Kontaktstunden), zur Moduldauer, Zielgruppen, den Anmeldebedingungen, Lehr- und Lernmethoden sowie zur Prüfungsordnung.

Die Integration der Mastermodule in die einzelnen Fachcurricula erfolgt durch einen curricularen Verweis. Hierfür ermöglichen Curriculakommissionen, die ihre Mastercurricula für die Module öffnen, eine Wahlmöglichkeit im Rahmen bestehender Pflicht- und/oder Wahlmodule. Auch freie Wahlfächer können zur Absolvierung eines überfakultären Mastermoduls herangezogen werden. Eine besondere Herausforderung besteht darin, einen Konsens innerhalb der Curriculakommissionen zur fachlichen Öffnung der Curricula zu erzielen, insbesondere bei jenen, die Bedenken hinsichtlich eines möglichen Qualitätsverlusts oder der Verminderung der wissenschaftlichen Tiefe ihres Fachs haben (Jenert 2016). Des Weiteren sehen einige die Erweiterung des Fachcurriculums um interdisziplinäre, beruflich relevante Inhalte, die die Studierenden auf Tätigkeiten jenseits ihres Hauptfachbereichs vorbereiten, nicht in ihrem Verantwortungsbereich. In den fachlich-curricularen Diskussionen werden die unterschiedlichen Interessen und Themen der Curriculaentwicklung, von der materialen, sozialen, hochschuldidaktischen, fachlichen sowie institutionell-organisatorischen Seite deutlich (Wild & Wildt 2023). Aus unserer Sicht stellt die Implementierung innerhalb von vorgegebenen Wahlmöglichkeiten hier eine besonders gute Chance dar, viele dieser divergierenden Interessen miteinander in Einklang zu bringen.

Ein von der Universitätsleitung unterstützter Prozess zielt darauf ab, die Interessen auszugleichen und die Vorteile der Modulintegration hervorzuheben. Zwei Jahre nach der Einführung des Programms ist die Integration der Module in etwa einem Fünftel aller Mastercurricula erfolgreich umgesetzt worden. Aufholbedarf besteht bei der Integration der Mastermodule in natur- bzw. ingenieurwissenschaftliche Curricula.

Die positiven Evaluierungsergebnisse von Studierenden und Lehrenden bestärken darin, dass die Module als relevante Bereicherung des Studiums wahrgenommen werden (Rainer 2023). Auf der Grundlage kontinuierlicher Evaluationen werden die Module sowohl auf curricularer als auch didaktischer Ebene weiterentwickelt. Die Ergebnisse der Evaluationen liefern wesentliche Anhaltspunkte für zentrale Herausforderungen und bilden den Ausgangspunkt für die evidenzbasierte Weiterentwicklung der (Modul-)Curricula.

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